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Fridays for Future und IG Metall: Der bayerische Klima-Gipfel

Klimawandel und Kosten, Generalstreiks und Gerechtigkeit sowie bremsende Bosse: IG Metall-Bezirksleiter Johann Horn und der Regensburger Fridays-for-Future-Aktivist Ferdinand Klemm im Gespräch.

Ferdinand Klemm: „Wir müssen unseren Wohlstandsgedanken hinterfragen.“

Klimaschutz konkret: Wie habt Ihr ganz persönlich heute schon dafür getan – und wo habt Ihr gesündigt?

Johann Horn: Ich bin heute mal nicht mit dem Zug, sondern mit dem Auto gekommen. Mit meinem Clean Diesel habe ich das Klima zwar nicht geschützt, aber weniger belastet. Und zu meinen Terminen war ich dann zu Fuß unterwegs.

Wie lauten Eure Herausforderungen zur Rettung des Planeten vor dem Klima-Kollaps?

Johann Horn: „Die Menschen müssen beim Veränderungsprozess beteiligt werden.“

Klemm: Vor allem im globalen Süden ist die Klimakrise schon da. Wir wollen die Erde erhalten: für unsere junge Generation und für die älteren. Wie das geht, haben aber nicht wir zu entscheiden. Das ist Aufgabe eines gesamtgesellschaftlichen Dialogs.

Horn: Schon in der Satzung der IG Metall haben wir uns dem Schutz der Umwelt verpflichtet. Darum wollen wir, dass die Ziele vom Klimagipfel in Paris erreicht werden. Unsere Mitglieder wollen auch, dass ihre Kinder und Enkel künftig noch eine gute Erde haben. Die entscheidende Frage ist: Wie bringen wir den Schutz dieser Erde mit dem sozialen Leben der Menschen zusammen?

Fridays for Future hat neben einer CO2-Abgabe keine konkreten Vorschläge oder Forderungen. Ist das nicht ein bisschen zu einfach?

Fridays-for-Future

„Fridays-for-Future“-Sprecher Ferdinand Klemm und IG Metall-Bezirksleiter Johann Horn im Gespräch. Fotos: Werner Bachmeier

Klemm: Wenn mein Haus brennt, rufe ich die Feuerwehr. Dafür muss ich kein Experte sein. Zum Löschen brauche ich aber Experten. Wir machen auf den Brand aufmerksam. Die Antwort darauf ist Aufgabe der Gesellschaft.

Horn: Die Leute haben nur Angst, dass nach der Feuerwehr ihr Haus und ihre Arbeit ganz weg ist. Ich möchte aber nicht, dass es diesen Konflikt gibt und das der Klimabewegung angelastet wird.

Klemm: Die Erde macht keine Kompromisse. Darum machen wir in unseren Zielen auch keine Kompromisse und orientieren uns hier an der Wissenschaft. Aber über das Wie können wir mit den gesellschaftlichen Playern diskutieren.

 

Hier sitzt die idealistische Jugend, dort die Gewerkschaft mit Mitgliedern mitten im Leben und oft Jobs in der Autoindustrie – wie passt das zusammen?

Klemm: Der Metaller, der heute noch einen Verbrenner baut, kann in der Zukunft doch auch das E-Auto bauen. Es braucht einen ehrlichen Dialog darüber, was zukunftsweisend ist. Und der Verbrenner ist das nicht. Das liegt auch im Interesse der Arbeitnehmer, den Strukturwandel anzuschieben statt zu verschleppen.

Horn: Mit Blick auf die Zukunft decken sich unsere Interessen. Kompliziert wird es aber im Detail: Der Bau eines Elektroantriebs braucht nur ein Zehntel der Menschen im Vergleich zu einem Verbrenner. Deshalb muss Klimaschutz auch eine Antwort darauf geben: Was machen wir mit den Menschen?

Ist Elektromobilität eine richtige Antwort auf den Klimawandel?

Horn: Für große Städte sicherlich. Ob die schon 100 Jahre alte Technologie aber auch eine Antwort für die nächsten 100 Jahre ist, weiß ich nicht: Woher würden die Ressourcen und Rohstoffe kommen, um die jährlich 20 Millionen neuen deutschen Autos alle elektrisch zu machen? Wie funktioniert die Entsorgung? Da hat die Wissenschaft noch keine ausreichenden Antworten.

Klemm: Ich frage mich, warum jeder sein eigenes Auto haben muss.

Horn: Es hat auch etwas mit Teilhabe zu tun: Mit einem Auto entscheide ich, wann und wo ich hinfahre. Wenn wir den Menschen das wegnehmen, haben wir ein Problem.

Die Menschen brauchen Arbeitsplätze, was zu essen, ein Dach über dem Kopf und sind von diesem Wirtschaftssystem abhängig. Wie führt Fridays for Future diese Diskussion?

Klemm: Wir müssen unseren Wohlstandsgedanken hinterfragen. Wir leben einen Konsum, der der Erde nicht guttut. Muss ich mich immer mit den Menschen vergleichen, die mehr haben als ich? Wir leben auf einer endlichen Welt. Und da ist ewiges Wachstum zum Scheitern verurteilt.

Horn: Für Klimaschutz und Nachhaltigkeit ist die Verteilungsgerechtigkeit ein zentrales Thema. Es darf nicht darum gehen, den Menschen einen Verzicht vorzuschreiben. Sondern wir brauchen eine faire Verteilung zwischen Arm und Reich.

Bedeutet der Kampf gegen Klimawandel für Beschäftigte also Verzicht?

Klemm: Es wäre verlogen zu sagen, dass Klimaschutz ohne den Verlust eines einzigen Arbeitsplatzes geht. Deshalb ist die Perspektive für die Menschen umso wichtiger: Sowohl für sie selbst aber auch in der Vorstellung, wofür der Wandel gut ist. Darum ist es wichtig, gemeinsam mit den Arbeitnehmenden vor Ort über die Zukunft zu entscheiden.

Horn: Das ist einer der entscheidende Punkt! Für den einzelnen Arbeitnehmer ist der Verlust der Arbeit dramatisch und ein existenzieller Einschnitt. Eine abstrakte Perspektive hilft da nicht, sondern wirtschaftliche Sicherheit wie durch ein Transformations-Kurzarbeitergeld oder verbindliche Rechte auf Weiterbildung. Und ich bin überzeugt: Eine bessere Umwelt, ein schonender Umgang mit unserem Planeten können sogar noch mehr Arbeit schaffen!

Wo liegt der Knackpunkt beim Klimawandel in der Wirtschaft?

Horn: Wir stoßen an die Grenzen unseres ökonomischen Systems. Es entscheiden allein die Unternehmer über wirtschaftliche Fragen und über die Lebensgrundlagen. Und nicht die Beschäftigten. Beispiel Diesel: Hier wurde lange sehr viel Geld verdient und das wollen die Eigentümer und Aktionäre noch so lange wie möglich. An diese Frage müssen wir ran. Die Menschen erwarten, dass sie bei dem Veränderungsprozess beteiligt werden.

Klemm: Die Unternehmen wollen an ihren alten Produkten und Profiten festhalten. Warum sind wir in Deutschland in der Solar- oder Windenergie nicht mehr führend? Warum kommt das beste Auto nicht von hier? Siehe Energiewende: Die Bremser mit der Abstandsregelung für Windkrafträder sind nicht die Bürger, die in eine dezentrale Energiewende investieren wollen. Sondern Großunternehmen, die noch schnell möglichst viel Profit aus Kohle und Atomkraft ziehen wollen.

Das Problem beim Klimawandel sind also die Kosten?

Klemm: Wichtig ist auch immer Folgekoksten für die Allgemeinheit zu berücksichtigen: Allein letztes Jahr haben wir die Landwirtschaft mit 230 Millionen Euro wegen der Dürreperiode quersubventioniert, allein Bayern hat in den vergangenen Jahren hunderte Millionen in den Wiederaufbau nach Naturkatastrophen gesteckt.

Gewerkschafts- und Klimabewegung: Was fasziniert Euch gegenseitig?

Klemm: Mich fasziniert die Beständigkeit der IG Metall und wie ihr in Bayern 381.000 Mitglieder organisiert bekommt.

Horn: Ihr zeigt: Menschen in Fleisch und Blut auf der Straße bewegen etwas. Ich hatte schon die Sorge, dass es sowas nicht mehr gibt und alles nur noch digital stattfindet. Aktionsfähigkeit – das ist auch unsere Grundlage für den Erfolg.

Aber ist es nicht einfacher als Schüler zu streiken, der weniger riskiert als ein Beschäftigter, wenn er zum Beispiel auf sein Einkommen verzichtet?

Klemm: Wir verzichten auf Einzelzukunft. Wir investieren nicht Freizeit, sondern Bildungszeit. Andernfalls müssten wir auf eine gute Zukunft verzichten. Ich studiere mittlerweile – weil ich es möchte. Und jede Vorlesung, die ich verpasse, tut mir deshalb weh.

Fridays for Future ruft für den 20. September zu einem „Generalstreik“ auf. Was erhofft ihr euch?

Klemm: General bedeutet hier, dass alle eingeladen sind. Wir wollen uns für weitere gesellschaftliche Gruppen öffnen und explizit Arbeitnehmende, aber auch Arbeitgeber einladen. Es ist nicht gemeint, dass wir jetzt die Produktion lahmlegen wollen. Persönlich kann ich mir aber langfristig vorstellen, dass wir auch diese Signale klimapolitisch senden müssen. Aber das müsst Ihr entscheiden.

Horn: Wir nehmen ernst, was Fridays for Future sagt. Wir müssen gemeinsam einen Weg finden, wie wir die Ungleichheit im Land und auf der Welt aufheben können, wie wir den Menschen die Angst vor dem Verlust ihrer Arbeit nehmen, wie wir eine Perspektive schaffen.

Wird sich der Protest nicht abnutzen? Wird die Klimabewegung irgendwann nur ein Hype gewesen sein?

Klemm: Das glaube ich nicht. Dafür sind die Folgen der Klimakrise und der vergangenen 30 Jahre schon viel zu sehr zu spüren. Das letzte Jahr war das heißeste der Wetteraufzeichnungen, wir erleben immer häufiger extreme Wetterlagen und Hochwasser.

Die Arbeitgeber sagen auch, dass sie für Klimaschutz sind. Die von Gesamtmetall finanzierte „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ macht aber eine Kampagne, die aber die harten Klimaziele in Frage stellt.

Klemm: Sie hat bereits die Energiewende massiv torpediert und ist verantwortlich dafür, dass die Umlage für Erneuerbare Energien zerstört wurde. Jetzt sagen sie, dass ein Klimaziel von 2 statt 1,5 Grad Erderwärmung auch reichen würde. Sie verschleppen die Debatte. Wir brauchen aber jetzt Maßnahmen.

Horn: Sie haben gemerkt, dass sich jetzt in diesem Zusammenhang die Frage nach Macht und Einfluss stellt – und die Grundsatzfrage nach Verteilungsgerechtigkeit. Wir als IG Metall finden es viel wichtiger, Perspektiven aufzuzeigen: mit neuen Produkten und Ideen. Darum sprechen wir auch mit Umwelt- und Sozialverbänden. Da kann die INSM tun, was sie will: Wir sind mehr!

Wie geht es jetzt weiter? Die IG Metall wird eine Klimagewerkschaft und ihr benennt euch um in „Fridays for Work“?

Klemm: Ich sehe, dass sich die Zivilgesellschaft und die Arbeitenden sich der Klimafrage noch viel stärker annehmen. Wir müssen das Ausmaß des Klimawandels noch viel mehr im kollektiven Bewusstsein verankern.

Horn: Wir bleiben bei unserer Aufgabe, möglichst viele Arbeitnehmer organisieren und mit Tarifverträgen die Konkurrenz untereinander aufzuheben. Und wir treten weiterhin für eine bessere Umwelt ein: Die es den Menschen und ihren Kindern ermöglicht, gut darin zu leben. Und da ist unser Schnittpunkt.

20190729_Anforderungen_Bayerische_Klimaschutzpolitik